Archive for July, 2008

Das System ganz verblüffend einfach nutzend, ist einer Kunststudentin eine wirklich gute guerilla marketing aktion auf ebay gelungen, die “Konsumverhalten hinterfragt, Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sichtbar macht”, ebay aushebelt und für einiges Aufsehen (neon und saatchi), Auf- und Anregung gesorgt hat: fragen.

ebay (noch) vollkommen machtlos, weil alles ganz “ordnungsgemäss”, der potentielle Käufer ratlos, aufgebracht bis begeistert (ich frage mich ja nur, wie die eigentlich auf die Seite mit z. B. dem Pelzmantel kommen?) oder vollkommen abgestumpft.

Als ganz reguläres ebay- Mitglied angemeldet, wurden real existierende Markenartikel (Nike Turnschuhe, Pelzmäntel, Parfum, Handys etc.) wie üblich für die Auktion eingestellt und im ersten Abschnitt kurz beschrieben (“Sexy Adidas Bikini!”, “Wunderschöner Pelzmantel”, …) persi.

Dann aber folgten ausführliche Hintergründe zu Produktionsverhältnissen (Sweatboxes, Kinderarbeit, Tierversuche, Zucht- und Gerbmethoden) in Texten und zahlreichen, mehr als anschaulichen, abschreckenden Bildern mit den korrekten Quellenangaben.

Auch wurden verschiedene Kaufalternativen und die ausdrückliche Erklärung abgebeben, die Angebote seien “keine Fakes”, alle Objekte werden wirklich zum Kauf angeboten”. persi2

Die Entscheidung lag nun beim mündigen, informiertem Käufer mit dem traurigen Resultat: ein Pelzmantel ging für 120 Euro weg, Parfum für um die 10 Euro, die restlichen Artkel ebenfalls…!!!???

stumpfi

Mehr über die aktion unter powerseller08

Spektakel nach dem Tod

Nachtrag zu “Unwirklichkeiten 1: Tod“:

Was spricht aus dem medialen Erfolg des Projektes “The Great Pyramid“?

1. Es gibt einen Bedarf an alternativen Formen von Grabstätten. Die bestehenden Angebote der Kirchen und Städte erfüllen nicht die Bedürfnisse und Sehnsüchte vieler Menschen.

2. Tod und Trauer dürfen thematisiert werden. Die Inszenierung muss nur spektakulär genug sein und gleichzeitig Distanz schaffen. Die Medien sind offensichtlich voll von Tod und Leiden. Niemand stört sich daran, denn es ist ja alles weit weg. Man muss und kann nicht selbst eingreifen. Es berührt wortwörtlich niemanden. Ähnlich funktioniert The Great Pyramid. In ihr werden all die Toten weit weg geschafft. Dennoch sind sie gut sichtbar repräsentiert, denn die Pyramide ist in ihrer Monumentalität sensationell und kommt somit in “den Medien” optimal rüber.

Das Projekt steht also nicht etwa für einen neuen – wieder offeneren – Umgang mit Tod und Trauer. Vielmehr fügen sich damit diese Themen in die Logik des Spektakels ein. Tod und Trauer werden in der unmittelbaren Umgebung und direkten Auseinandersetzung weiterhin gemieden werden. Sie würden mit dem Weltzentralfriedhof endgültig ausserhalb des Alltäglichen gerückt werden. Und zum Ausgleich besuchen wir dann den “Themepark” des Todes, was dann sicher ein “ganz tolles Erlebnis” gewesen sein wird.

Unwirklichkeiten 1: Tod

Tod und Trauer sind bekanntlich Themen, die in unserer Gesellschaft wenig populär sind. Ewige Jugend hingegen scheint zwingend, alles Andere wäre eine Belastung, mit der sich niemand auseinandersetzen möchte. Performance und Fun bis zum Ende. Und selbst dieses wird jetzt weniger bitter: denn danach geht’s weiter! Das Ego darf sich auch über den Tod hinaus nähren – bis in alle Ewigkeit – als Teil der “Great Pyramid“.

 The Great Pyramid Online

Die eigene körperliche Existenz zu überdauern konnten die ägyptischen Pyramiden nur wenigen versprechen. Nun steht dieser Weg allen Menschen offen. Statt unseren Körper verscharren oder seine Asche ausstreuen zu lassen, können wir als kleiner Stein der Pyramide Teil des sich stetig wandelnden und wachsenden Gemäldes unserer Spezies bleiben.Deutschland, das seinen Weg in die neue globale Welt nur schwerfällig findet, hat mit der Großen Pyramide wieder ein Projekt, das dauerhaft führend bleiben wird.

Ich dachte zunächst das Ganze sei ein Fake, ähnlich, wie die Inszenierung “Misson Eternity – crossing the deadline” von Uebermorgen.com, deren “Vision” hier als Video kommuniziert wird – “The Matrix” für Tote, die ewig leben wollen.

Misson Eternity

Doch The Great Pyramid ist “echt”, oder besser soll ein echtes Bauwerk werden.

A Tomb for All People

Dieser Entwurf ist von gesamtgesellschaftlicher Relevanz, mit ihm wird ein Schlussstrich unter die Jugendkultur gezogen. Welch ein Auftrag für ein deutsches Büro! Hier haben Architekten die Chance, ein „Las Vegas des Todes“ zu errichten, ohne sich mit Diktatoren und Frauenfeinden verbandeln zu müssen, lediglich mit einem 38-jährigen Jungen aus Bielefeld.

aus der Zeitschrift Bauwelt(Ausgabe 14 | 2008 PDF download)

Auf der Architektur-Site eikongraphia.com sind die Ergebnisse des Architekturwettbewerbes zu bewundern. Den Architekten WeiWei & Fake Design (sind die mit Ubermorgen verwandt?) scheint die Absurdität des Unternehmens nicht entgangen zu sein, wie ihre Illustrationen belegen:

Celebrate death as part of life

Doch dem Rest scheint’s ernst, oder?

Diagramm Pyramide

“Jeder soll mitmachen dürfen bei der künftigen Weihestätte der Egalität.” Frankfurter Rundschau (PDF Download)

Oder ist die Great Pyramid doch auch eine Projekt von Uebermorgen, nur eben noch viel besser als Mission Eternity, weil glaubwürdiger inszeniert, viel diskutiert und auch ernsthaft umstritten, wie auch an den vielen Reaktionen in der Presse zu sehen ist?