Archive for September, 2008

Was treibt die Kunst (an)?

Schweinekunst

In ihrem ausgezeichneten Artikel “Kunst und Publicity – Das Diktat der Marken” bringt Brigite Werneburg in der TAZ auf den Punkt, was Kunst heute (an)treibt. Sie beschreibt, wie das Branding-Paradigma [1] sich auf “die Kunst” auswirkt und welche Interessen es nähren.

Hier ein kleiner Ausschnitt:

So aufregend hat man sich das Crossover von Mode und Kunst immer vorgestellt. Störende Gegenentwürfe kommen dank der Marketinginstrumente der Corporate Culture erst gar nicht ins Spiel. Denn als Form einer weiterreichenden Markenbildung drängt sie die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Werk selbst erfolgreich in den Hintergrund.

Wie schon das deutsche “Gesetz über den Schutz von Marken und sonstigen Kennzeichnungen” weiß, kann “niemals ein Produkt die Marke selbst sein. Was also produktbedingt geformt ist, stellt gleichzeitig nicht die Marke des Produkts dar.” Ganz dieser Definition entsprechend wird denn auch anlässlich von Jeff Koons Versailles-Auftritt auf einer ganzen Zeitungsseite des Figaro wohl über die Gästeliste des Galadinners (u. a. die Schauspielerin Fanny Ardant, Schlankmacher Karl Lagerfeld, Albert von Monaco und Gloria, Fürstin Thurn und Taxis etc. etc.), nicht aber über die Ausstellung selbst debattiert. Sensationsheischend ist der Ton hier wie dort, wo die Kunstberichterstattung Damien Hirsts Sothebys Auktion verteidigt und feiert.

Tatsächlich steht die abenteuerliche Aktion mehr für die Marke Hirst als die sattsam bekannten Schmetterlingsbilder, Arzneimittelschränke oder in Formaldehyd eingelegten Tierkadaver seines Werks.

Dem Artikel ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen, ausser wie man nun als Mensch, für den Kunst an sich bedeutsam ist, damit umgehen kann. Ich bin für Ignorieren. Wenn das gelegentlich aufgrund der Omnipresenz des Spektakels nicht klappen sollte, dann dieses einfach nicht ernst nehmen, lächeln und weitergehen, – zur Kunst. Sich ausschließlich auf die Wahrnehmung der Kunst konzentrieren und dem Ganzen Drumherum keine Beachtung schenken. Jeder Versuch auf kreative Weise das Branding-Kunst-Phänomen zu dekonstruieren wird es noch mehr stärken. De-Branding kann hier nur in der persönlichen Wahrnehmung passieren, nicht als Aktionismus. Denn letzterer würde den Brands der Kunst nur noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen und/oder im Erfolgsfall sofort vereinnahmt werden und selbst zum nächsten Kunst-Brand werden (oder zum nächsten Mode-Brand oder beides ;-)

[1] Es scheint  in unserer globalen Konsumkultur ein Imperativ des Image herrschen. Arbeite an deinem Image und nehme Images wahr! Dieser Imperativ zieht sich durch alle Bereiche und Ebenen der Gesellschaft. Alle handeln danach: Individuen, Unternehmen, Nationen, … und eben auch Künstler.

Wenn nun “Image!” der Imperativ ist, dann ist Branding, also strategisches Image Management,  das Paradigma –  das Muster, das sich durch alles zieht.

The Day I Gave Away My Fears

tdigamfmarkusvater(work by Markus Vater)

THE FREE ART FAIR 2008 (London – October 13 – 19, 2008)

the art fair where all the work is given away at the end

“Instead of art going to the highest bidder or those who can afford it, someone who really loves an artwork will be able to have it for free at the end of the fair… pieces by artists from the Saatchi Collection, Tate, galleries like White Cube and Haunch of Vension, as well as by emerging international artists.

“I thought we should do something different from what everyone else is doing at this time of year and non-commerical, and something that excites people and values art not selling…” (Jasper Joffe, founder of The Free Art Fair)

The first FREE ART FAIR 2007 was terrific and provoked heated debate about the value of contemporary art. The Daily Telegraph described it as the “most radical departure from art fair commercialism“.  Press coverage in national and international media culminated in a live broadcast of the final give away on BBC News 24. People camped out overnight to secure the piece they wanted and by morning, the queue snaked through Marylebone Street with over 700 members of the public registering interest.”

Was für ein Spektakel (Kunst, Medien, Gesellschaft)… und doch geht’s wieder um Haben-Wollen, Konsum, Kommerz und Aufmerksamkeit.

IF

Fotos halten die Wirklichkeit fest und dienen der (persönlichen) Erinnerung? Ahwah!

Blitzartig und subtil hackt sich Julius von Bismarcks Image Fulgurator (Goldene Nica auf der Ars Electronica 2008/”Interactive Art”) in die Aufnahme, manipuliert und branded Foto, Motiv oder festgehaltenes Ereignis mit Symbolen und Sätzen, etc., die einen an der eigenen Wahrnehmung der Realität zweifeln lassen, aber auch (und vor allem) zum Nachdenken bringen sollen.

Der Image Fulgurator ist ein Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotografien mit einer simplen Funktionsweise: Ein Sensor registriert, wenn ein Blitzlicht ausgelöst wird und projiziert dann für den Bruchteil einer Sekunde ein beliebiges Bild auf das Fotomotiv. Der Image Fulgurator besteht aus einer herkömmlichen Spiegelreflexkamera und einem Blitzgerät (eine digitale Variante des Bildstörers ist in Arbeit). Das zu projizierende Motiv befindet sich auf einem entwickelten Diafilm in der Kamera. Als “Projektionslampe” wird ein Blitzgerät verwendet, das hinter der Kamera montiert ist.

In einem Video auf Bismarcks Website ist die Funktionsweise des Fulgurators in der Praxis zu sehen. Am Checkpoint Charlie in Berlin wird die Apparatur eingesetzt, um auf das berühmte Schild “You are entering the American Sector” den Satz “Hundreds of people died last year by trying this at the US-Mexico border” zu projizieren – ganz zur Verunsicherung zahlreicher Touristen, die das geschichtsträchtige Schild (mit Blitz) fotografiert haben und danach ungläubig auf ihre Kameradisplays starren.

Zur Beruhigung: Julius von Bismarck, der an der Berliner Universität der Künste studiert, hat seine Erfindung bereits als Patent eingereicht hat, um zu verhindern, dass Unternehmen den Fulgurator für Werbezwecke einsetzen, siehe John Carpenters Film “They Live” (->Post von Fabio hier weiter unten).

Eine gruselige Vorstellung, plötzlich und ungewollt meine Fotos mit Werbung und Logos von Markenfirmen gebranded zu sehen. Und noch schlimmer, selbst beim Fotografieren nicht mehr davor sicher zu sein…